9. IGP Dialog: Innovative Landwirtschaft braucht Anreize, Ausbildung & Austausch

11.10.2021 |

Austausch im Agrarbereich soll gemeinsam intensiviert werden

Innovatives Denken und Handeln sowie digitale Lösungen sind bereits jetzt für viele Landwirtinnen und Landwirte Alltag. Um europaweit eine zukunftsfitte Landwirtschaft zu schaffen, benötigen sie jedoch die richtigen Rahmenbedingungen: finanzielle Anreize, eine umfassende Ausbildung und einen intensiven Austausch zwischen Forschung, Beratung, Landwirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Konsumenten. Das ist ein Ergebnis des neunten IGP Dialogs mit Direktor Georg Häusler (Generaldirektion Agrar in der EU-Kommission), Präsident Manfred Hudetz (Industrieverband Agrar) und Wirtschaftsexpertin Ursula Bittner (Greenpeace). Zudem erörterten die Teilnehmer bei der Veranstaltung zum Thema „Vom Reden zum Tun: Wie gelingen Innovationskultur und Imagewandel in der Landwirtschaft?“ die Zielvorstellung einer nachhaltig wirtschaftenden, ressourcenschonenden und ökosozial ausgerichteten Landwirtschaft. Christian Stockmar, Obmann der IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP), betont, dass die Industrie den Diskurs in Österreich anstoßen und geeignete Foren anbieten will, um den Dialog agrarischer Stakeholder zu verstärken. Durch die Veranstaltung im Wiener Lokal Labstelle führte Ursula Riegler.

Stockmar: Fortschritt ist der Missing Link im Green Deal

„Dem Green Deal fehlt aus Sicht der Hersteller von Pflanzenschutzmitteln die Antwort auf die Frage: Wie sollen die Ziele erreicht werden?“, so Christian Stockmar, Obmann der IGP. „Der Innovation Deal zeigt eine Antwort auf: mit Fortschritt und Innovation. Das belegen für Pflanzenschutzmittel die Zahlen einer Studie von Phillips McDougall. Demnach hat die Industrie durch bessere Formulierungen, effizientere Wirkstoffe und moderne Ausbringungstechnik die Einsatzmenge weltweit um 95 Prozent reduzieren können. Um diese Erfolgsgeschichte fortzuführen, investiert die Industrie bis 2030 insgesamt 10 Mrd. EUR in digitale Lösungen und 4 Mrd. EUR in Biologicals.“

Christian Stockmar blickte zudem zurück auf die Webinare, bei denen die IGP mit insgesamt 14 Experten Aspekte eines Innovation Deals diskutiert hat. „Dabei haben sich fünf Perspektiven herauskristallisiert: Erstens braucht es einen faktenbasierten und sachlichen Dialog. Zweitens sollten Farm-Management- und digitale Systeme für Landwirte verfügbar gemacht werden. Drittens braucht es einen Wissenstransfer zwischen Forschung, Beratung und Landwirt sowie mit der Gesellschaft. Viertens sollten die Rahmenbedingungen für eine Forschungsoffensive in Europa geschaffen werden. Fünftens sollte eine authentische und offene Kommunikation mit den Verbrauchern stattfinden“, unterstreicht Stockmar. „Damit kann man die Herausforderungen durch Klimawandel und Green Deal bewältigen. Aber das braucht Zeit und einen intensiven Diskurs – und den will die IGP anstoßen.“

Häusler: EU hat Initiativen für Modernisierung gestartet

„Mit dem Green Deal will die EU aufzeigen, dass wir existenzielle Herausforderungen zu bewältigen haben und dass das Weitermachen wie bisher keine Alternative ist. Die Klimakrise soll als Chance genützt werden“, so Häusler. Daher hat die EU-Kommission ein gesamtwirtschaftliches Konzept vorgelegt, um das System in Europa auf eine neue Basis zu stellen. „Wichtig ist, dass alle drei Bereiche der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden. Dabei muss klar sein: Wir müssen die Menschen mitnehmen und bei allen Playern eine Bewusstseinsveränderung hin zu Nachhaltigkeit erreichen. Lebensmittel sollen künftig zumindest umweltneutral erzeugt werden, aber ohne eine Eliteproduktion aufzubauen, sondern zu erschwinglichen Verbraucher-Preisen. Dazu ist es notwendig, die landwirtschaftlichen Betriebe zu modernisieren, wofür die EU-Kommission auch Mittel zur Verfügung stellt.“ Zudem gibt es die Innovationspartnerschaft, mit der Innovations-Player und die Landwirtschaft zusammengebracht werden, betont Häusler.

Hudetz: EU kann Innovationsschub anstoßen

„Die Industrie ist gegen pauschale quantitative Reduktionsziele. Wir müssen die Produktivität hoch halten, weil die Weltbevölkerung wächst und die Umwandlung von Natur in Ackerfläche unerwünscht ist. Um mit der bestehenden Fläche eine wachsende Bevölkerung ernähren zu können, wird es Pflanzenschutzmittel brauchen. Auch um den gesellschaftlichen Anforderungen nachzukommen, forschen wir an Biologicals. Das Zulassungssystem blockiert uns dabei, weil es auf chemisch-synthetische Mittel ausgerichtet ist“, kritisiert Hudetz. Er warnt vor Verboten von Wirkstoffen, ohne den Landwirten entsprechende Alternativen anzubieten. Innovation, Fortschritt und eine gute Aus- und Weiterbildung wären der bessere Weg, so Hudetz: „Die Industrie trainiert Landwirte bei Winterveranstaltungen für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und digitalen Technologien. Hier haben wir unsere Kompetenz und nehmen wir unsere Verantwortung wahr. Denn die Digitalisierung ist bereits angekommen. Da werden wir in den nächsten Jahren einen Quantensprung erleben. Eine Anschubfinanzierung ist jedoch notwendig, um eine Marktdurchdringung von 70-80 Prozent zu erreichen. Hier kann die EU einen Beitrag leisten.“

Bittner: Innovation sollte Probleme lösen, nicht verursachen

„Innovation ist die kontrollierte Veränderung zu etwas Neuem und soll Probleme lösen, in der Folge aber nicht wieder selbst zu Problemen führen. In der Vergangenheit haben Innovationen oft zu Abhängigkeiten und zu einer zunehmenden Spezialisierung der Landwirte geführt“, so Ursula Bittner. Sie warnt vor dem Schaffen von Abhängigkeiten durch den stärkeren Einsatz von Technik und Digitalisierung in den Betrieben. „Es stellt sich zudem die Frage, ob nicht auch ein steigender Anbau von Leguminosen innovativ ist, weil man in der Folge den Einsatz von künstlichem Dünger reduzieren kann.“ Sie fordert zudem eine ehrliche und transparente Kennzeichnung von Lebensmitteln, um den Konsumenten über das einzelne Produkt, dessen Herkunft, die Produktionsweise und die eingesetzten Betriebsmittel zu informieren und eine wissensbasierte Auswahl von Lebensmitteln zu ermöglichen. Unterstützend kann hier die Digitalisierung sein. Ursula Bittner betont auch die Vorbildrolle Österreichs: „Als kleine und fortschrittliche Landwirtschaft sollten wir den Wissenstransfer in andere Länder intensivieren, aber ohne sich auf dem Erreichten auszuruhen.“

Anreize schaffen und Innovations-Mindset nützen

„Dass die Landwirtschaft ein nostalgisches Markenbild einsetzt, funktioniert. Man darf aber nicht glauben, dass alle Landwirte im 19. Jahrhundert sind. Vielmehr sind die Landwirte in punkto Technik und Modernisierung weit voraus. Auf einem Standardbetrieb wird schon in wenigen Jahren alles digital ablaufen. Die Landwirte brauchen aber Anreize, Finanzierungsmöglichkeiten und eine gute Ausbildung, das sind die wesentlichen Stellschrauben. Es ist die Politik, die hinterherhinkt“, meint Georg Häusler. Manfred Hudetz pflichtet der Einschätzung bei, dass ein Innovationsdenken längst in den Betrieben angekommen ist. Er betont zudem: „Landwirte haben in der Bevölkerung ein gutes Standing. Das Problem ist, dass die Menschen in der Stadt oft keine Landwirte kennen und keinen Bezug zur Landwirtschaft haben. Da liegt der Schlüssel. Landwirte sollten mehr an die Öffentlichkeit gehen und den Menschen erklären, wo die Produkte herkommen – und zwar neutral.“ Auch Ursula Bittner fordert einen stärkeren Fokus auf die Kommunikation: „Landwirte wissen am besten, wie man richtig wirtschaftet, wir sollten sie daher verstärkt in den Mittelpunkt stellen und mehr und besser hinhören, was sie sagen. Dann können wir auch erreichen, dass derjenige, der das größte Risiko trägt – nämlich der Landwirt – besser aussteigt.“

 

Foto: Podium (v.l.n.r.): Moderatorin Ursula Riegler, Ursula Bittner (Greenpeace) und Manfred Hudetz (Industrieverband Agrar) sowie Georg Häusler (DG AGRI der EU-Kommission).

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