Veranstaltungsrückblick: E.mission 2050 – Herausforderungen und Lösungen am Pfad zur Dekarbonisierung der chemischen Industrie

Die chemische Industrie hat zum Ziel, eine führende Rolle am Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu spielen. Schon heute ist sie durch ihre Produkte wie spritsparende Leichtbaustoffe bei Autos oder energiesparende Wärmedämmung für Gebäude maßgeblich daran beteiligt. Wo die Potentiale zur Dekarbonisierung in der eigenen Produktion liegen, hat nun eine Studie des Instituts für industrielle Ökologie berechnet, die der Fachverband der Chemischen Industrie in Auftrag gegeben hat und die im Rahmen der Veranstaltung „E.mission 2050 – Herausforderungen und Lösungen am Pfad zur Dekarbonisierung der chemischen Industrie“ präsentiert wurde.

Sowohl die Studienautoren der Untersuchung des Fachverbandes als auch der auf Europa ausgerichteten DECHEMA-Studie, die im Rahmen der Veranstaltung von Florian Ausfelder vorgestellt wurde, kommen zu dem Schluss, dass die chemische Industrie ihren Treibhausgasausstoß bis 2050 zur Gänze eliminieren könnte. Allerdings ist dieser Weg mit enorm viel zusätzlichem Strombedarf verbunden. Wenn die österreichische Chemiebranche bis 2050 auf Erdöl und Erdgas als Rohstoff verzichtet, so bräuchte sie dafür Ökostrom in der Kapazität von 60 Wasserkraftwerken Freudenau. Das entspricht fast dem Stromverbrauch von ganz Österreich im Jahr 2016. Da auch andere Industriebranchen und Sektoren wie Verkehr oder Gebäude entsprechende Dekarbonisierungsschritte setzen werden müssen, sind rasch die Grenzen des technisch Machbaren erreicht.

Um klimaneutral zu produzieren, müsste die Branche ihren Kohlenstoff aus CO2-Abgasen und Biomasse beziehen, den benötigten Wasserstoff mittels Elektrolyse aus Wasser gewinnen sowie die Dampferzeugung verstromen. Diese Verfahren sind wesentlich energieintensiver als die herkömmlichen, die Rohöl und Erdgas als Ausgangsstoffe haben.

Vervollständigt wurden die beiden Studien durch eine Präsentation der Treibhausgasszenarien 2030/2050 von Thomas Krutzler vom Umweltbundesamt. Die von Krutzler aufgezeigten Technologieoptionen zur Dekarbonisierung der chemischen Industrie stimmen in weiten Teilen mit den beiden anderen Studien überein.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion waren sich alle Teilnehmer einig, dass die Klimaneutralität eine enorme Herausforderung für sämtliche Bereiche – Industrie, Haushalte, Verkehr und Landwirtschaft darstellt. Gleichzeitig wurde mehrfach betont, dass die chemische Industrie eine Branche ist, die durch ihre Innovationskraft einen erheblichen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten kann. Wolfgang Haider von Borealis unterstrich in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft. Klar ist, dass ein gesellschaftliches Umdenken zu einem nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen notwendig sein wird und jeder einzelne einen Beitrag leisten muss.

Abgesehen vom enormen Strombedarf müsste die chemische Industrie laut Studienautoren jährlich rund 580 Millionen Euro investieren, um bis 2050 klimaneutral zu werden, während gleichzeitig mit einem deutlichen Anstieg der Produktionskosten zu rechnen ist. Der Obmann der chemischen Industrie Hubert Culik fürchtet bei diesen Zahlen um die Konkurrenzfähigkeit der Branche und verwies auf die drei Säulen der Nachhaltigkeit, die neben Ökologie auch Ökonomie und Soziales enthalten. Eli Widecki aus dem Nachhaltigkeitsministerium versicherte daraufhin, dass der Standortfaktor ein zentrales Ziel der Klima- und Energiepolitik ist und die Wettbewerbsfähigkeit ernst genommen werde.

Neben den Investitionskosten für die Industrie würde ein solch hoher Strombedarf auch den Ausbau von Erzeugungsanlagen, von Netzen und Speicheranlagen erfordern. Wolfgang Urbantschitsch von der E-Control gab zu bedenken, dass der Ausbau der Infrastruktur bereits jetzt häufig auf Widerstand stößt wie etwa aktuell bei der Salzburg-Leitung.

Für Karl Kienzl vom Umweltbundesamt bedingt die Transformation der Wirtschaft auch eine Transformation der Gesellschaft, das bedeutet, dass ein gesellschaftliches Umdenken zu einem nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen notwendig sein wird. Weiters verwies er darauf, dass Dekarbonisierung eine globale Bewegung sein muss. Dem stimmt auch Hubert Culik zu. „Die Herausforderung Klimawandel kann nicht regional oder gar national im Alleingang gelöst werden. Der ganze Planet muss hier an einem Strang ziehen“, fordert Culik und weist gleichzeitig darauf hin, dass man hier vom globalen Gleichschritt noch weit entfernt ist.

Das detaillierte Programm, alle Präsentationen sowie die Presseaussendung des Fachverbandes stehen im Downloadbereich zur Verfügung.